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Vom Dorf zur Stadt

Vier Orte im Kreis Gütersloh erinnern 2019 an ihre Stadtrechtsverleihung vor 300 Jahren

Das Stammhaus der Versmolder Familie Delius, Münsterstraße 1

von Rolf Westheider

Borgholzhausen, Halle/Westf., Versmold und Werther im heutigen Kreis Gütersloh wurden am 17. April 1719 durch den preußischen König Friedrich Wilhelm I. zur Stadt erhoben. Mit der Verleihung der Stadtrechte auch für Enger, Bünde, Vlotho und Preußisch Oldendorf fielen die meisten der bis dahin bestehenden Handelshemmnisse. Lediglich das lukrative Geschäft mit Wein und Branntwein blieb nach wie vor Bielefeld und Herford vorbehalten. Die Erwartung eines wirtschaftlichen Aufschwungs der Orte ging zunächst einher mit dem Verlust der kommunalen Selbstverwaltung. Um die Einnahmen des Staates zu steigern, wurde zugleich eine Umsatz- und Verbrauchssteuer eingeführt, die so genannte Akzise. Die heutigen Städte nehmen dies zum Anlass, um 2019 mit einem bunten und abwechslungsreichen Programm an die Stadtrechtsverleihungen im Rahmen der staatlichen Reformmaßnahmen zu erinnern.

Betrachten wir uns zunächst die Geschichte der Grafschaft Ravensberg, zu der die vier Städte gehörten. 1609 löste der Tod Herzog Johann Wilhelms, des letzten Vertreters des Hauses Jülich-Kleve-Berg, den jülich-klevischen Erbfolgestreit aus, der 1614 mit dem Vertrag von Xanten provisorisch beigelegt wurde. Danach wurde das Herzogtum Kleve mit den Grafschaften Mark und Ravensberg dem Kurfürstentum Brandenburg sowie die Herzogtümer Jülich und Berg dem Herzogtum Pfalz-Neuburg zugesprochen. Als Ergebnis des 30jährigen Krieges kam noch das Fürstentum Minden zu Brandenburg. Die Grafschaft Ravensberg gliederte sich in die vier Ämter Ravensberg, Sparrenberg, Limberg und Vlotho sowie die Städte Bielefeld und Herford.

Seit seinem Regierungsantritt 1713 bemühte sich Preußens zweiter König, Friedrich Wilhelm I., die zwischen dem Niederrhein und Ostpreußen verstreut liegenden Besitztümer durch ein ganzes Bündel von Reformmaßnahmen zu modernisieren und wirtschaftlich zu stärken, um in der Konkurrenz zu den europäischen Großmächetn bestehen zu können. Dieser preußischen Staatsräson hatten sich auch die Kommunen unterzuordnen, deren vorheriger Status durchaus disparat war. Versmold galt als Dorf, Borgholzhausen, Halle und Werther hingegen schon seit 1346 als „Wigbold“ oder Weichbild, einer Vorstufe zur Stadt. Erst am 9. Januar 1654 wurde diese Weichbildgerechtigkeit vom „großen“ Kurfürsten Friedrich Wilhelm über seinen Vertreter, den Drosten Wolf Ernst von Eller, nun auch Versmold verliehen. Damit ging das Recht der Bürgermeisterernennung einher und die Erlaubnis des Handels bestimmter Waren, vor allem des sogenannten Löwendlinnens, einem groben und sehr strapazierfähigen Leinentuch.  Dadurch sollte nach den Rückschlägen des Dreißigjährigen Krieges die Wirtschaft wieder in Gang kommen.

Übergeordnetes Staatsziel: Verbesserung der „Commercien“

Wichtigstes Element des großen Reformprojekts, einem Bündel von fiskalischen, verwaltungstechnischen und strukturpolitischen Maßnahmen, war eine Steuerreform. Es ging um die Einführung der Akzise, einer indirekten Steuer, die bei Kauf- und Eigentumsübertragungen zu entrichten war. Dies hatte schon Kurfürst Friedrich Wilhelm, der Großvater des „Soldatenkönigs“, seit den 1670er Jahren versucht, war dabei aber am Widerstand des Adels gescheitert. Auch jetzt löste dieses Ansinnen keine Begeisterung aus, wurden doch zurecht neue finanzielle Belastungen befürchtet. Vor allem aber sah man den mit dem Wegfall der Weichbildverfassung einhergehenden Verlust kommunaler Selbstverfassungsrechte wie die Wahl des Bürgermeisters und der Stadtvorsteher mit einiger Sorge.

Anstelle der alten Grundsteuer sollte in den neuen Städten nun eine „gelinde Consumtions-Accise“ treten. Der intensivierte Handel führe, so das Kalkül, zu größerem Konsum und damit zu vermehrten Steuereinnahmen. Die Kaufleute begrüßten diese Ankündigung, die Konsumenten erfüllte sie mit Sorge. Bei ihnen regte sich Widerstand, den der König sogleich im Keim zu ersticken versuchte mit der rüden Erklärung, dass er „alle, die gegen die Accis gesprochen, geschrieben, absonderlich gegen vottiret, vor Schelm, Hundsvötter, Ignoranten, Benhasen [Pfuscher], Dach[Tag-]Diebe, [und] unnütze Brothfresser halte“; dieses sei sein „conclusum und [es] soll bei der Accise bleiben.“ – Heutzutage würde man das „Basta“-Politik nennen…

Ob die Rechnung aufgehen würde? Sicher war dies nicht, sollte doch die neue Umsatzsteuer mehr abwerfen als die alten Abgaben. Daher wurde bereits 1722 seitens der Regierung eine Untersuchung angeordnet, „ob wir mehr profitiren, wenn die zu Städten declarirten acht dörffer in unserer Graffschaft Ravensberg wiederum zu dörffern gemacht werden.“ Als daraufhin ein Überschuss von 14.600 Talern gegenüber der alten Steuer ermittelt wurde, blieb die Neuregelung unangetastet.

Ein Konjunkturpaket: Steine statt Fachwerk, Ziegel statt Stroh

Im Gegenzug wurden Investitionsanreize geschaffen, die sich in erster Linie positiv auf die private Bautätigkeit auswirken sollten. Sie erscheinen noch heute recht innovativ und zielten damals darauf ab, den kleinen Orten die Möglichkeit zu geben, ihr noch mittelalterliches Erscheinungsbild abzulegen und sich andererseits, gleichsam staatlich verordnet, gegenüber Fremden zu öffnen.

Konkret wurden im Edikt vom 17. April 1719 für den Austausch der feuergefährlichen Strohdächer durch Ziegelbedachungen und für den Bau von Schornsteinen steuerliche und dienstliche Entlastungen in Aussicht gestellt. Immer wieder hatten offene Herdfeuer verheerende Brände ausgelöst, denn in den Strohdächern und dem Holz der Fachwerkbauten fanden die Flammen reichliche Nahrung. Zudem sollten Bauwillige dazu angehalten werden, die feldwärts ausgerichteten Hauswände massiv aufzurichten, wofür ihnen der kostenlose Erwerb der Bürgerrechte innerhalb einer Zweijahresfrist zugesichert wurde. Dies, so die Idee, würde den Neubau einer ohnehin auch bislang nicht vorhandenen Stadtmauer ersparen und damit die öffentliche Sicherheit gegenüber Bedrohungen von außen verbessern. Städtebaulich lehnt sich der Grundriss eines geschlossenen kreisförmigen oder ovalen Häuserrings an die vielfach bestehenden Kirchhofsburgen an, die bis heute, etwa in Halle, gut erkennbar sind. Grundstücke, die nach einem Jahr noch nicht bebaut sein würden, sollten den Eigentümern wieder entzogen werden können, sofern andere Bauinteressenten darauf reflektierten. Bauenden Neubürgern winkte eine 15jährige Befreiung von allen bürgerlichen Lasten sowie ein 15prozentiger barer Zuschuss zu den Baukosten. Neu zuziehende Gewerbetreibende sollten für die Anlegung „nützlicher Manufakturen“ nach Kräften gefördert und ihnen der Zugang zu allen öffentlichen Ämtern erleichtert werden.

Gesteuerte Einwanderung: Protestanten willkommen!

Mit der aus heutiger Sicht sehr liberal anmutenden Gleichstellung von ausländischen Asylanten mit den eigenen Staatsbürgern gab sich das junge Preußen als Einwanderungsland zu erkennen. Schon zum Ende des 17. Jahrhunderts sollten die großen Bevölkerungsverluste, die der Dreißigjährige Krieg hinterlassen hatte, teilweise durch Hugenotten - vertriebene französische Protestanten - ausgeglichen werden. Als Neubürger waren auch jetzt ausdrücklich Protestanten erwünscht, diesmal aus dem benachbarten Fürstbistum Osnabrück. Preußen suchte sich seine Zuwanderer gezielt aus: nicht nur nach volkswirtschaftlichen Nützlichkeitserwägungen, sondern auch nach konfessionellen Gesichtspunkten mit dem Ziel einer möglichst homogenen lutherisch bzw. calvinistisch geprägten Gesellschaft.

Mit weitgehenden Verhandlungsvollmachten ausgestattet, entschieden Emissäre des Königs entweder nach örtlicher Prüfung oder nach Aktenlage über die Stadtrechtsverleihungen. Die Befürchtung, dass sich das, was den frisch aus der Taufe gehobenen Städten in die Wiege gelegt worden war, als Mogelpackung erweisen würde, war unbegründet. Vielmehr erwiesen sich die Maßnahmen als eine Art Konjunkturspritze, die vor allem den wirtschaftlichen Motor auf Touren brachte. Der Wert der Stadtrechtsverleihungen bemisst sich daher mehr in seinen wirkungsgeschichtlichen Folgen als in dem Akt von 1719 selbst.

Vor allem für Versmold und Borgholzhausen lassen sich die unmittelbaren Auswirkungen deutlich benennen. 1721 verzog Daniel Conrad Delius vom elterlichen Hof Berenkämpen bei Vlotho und übernahm in Versmold das auf Leinen spezialisierte Handlungshaus Sieveking. Der Begründer der Versmolder Linie der Familie Delius reagierte damit umgehend auf die zwei Jahre zuvor erfolgte Stadtrechtsverleihung. Fortan dominierten die Delius für annähernd 200 Jahre den wirtschaftlichen Leitsektor Leinen, stellten nacheinander mehrere Bürgermeister und übten bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs den größten gesellschaftlichen Einfluss in der Kleinstadt aus. 1740 zogen Honigkuchenbäcker aus dem benachbarten Dissen im Fürstbistum Osnabrück ins preußische Borgholzhausen, um von dort aus interessantere Absatzgebiete erschließen zu können. Staats- und Zollgrenzen standen ihnen bis zu jenem Zeitpunkt hinderlich im Wege.

Stets haben die ravensbergischen Städte ihr Jubiläum als erinnerungswürdiges Ereignis begangen. So wird es auch 2019 sein, wenn sie für sich oder auch kooperativ zu einem vielfältigen Kulturprogramm und einer Wanderausstellung der gemeinsamen Geschichte einladen. Mit berechtigtem Stolz werden sie zeigen, was aus ihnen in 300 Jahren geworden ist, dem langen Weg vom Dorf zur Stadt.

 

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